Studie

Zukunft Krankenhaus.

Gute Medizin, aber widrige Umstände: Der Weg zum Krankenhaus der Zukunft bleibt mühsam – Ergebnisse einer Umfrage unter jungen Klinikärzten. (Zusammenfassung)

Der finanzielle Druck in vielen Krankenhäusern ist hoch. Leistungsverdichtung, knappes Pflegepersonal oder überarbeitete Ärzte sind ein Dauerthema im deutschen Gesundheitssystem. Unbestritten ist, dass die Ökonomisierung der Krankenhausmedizin zu einem guten Teil politisch gesetzten Regeln und der Zielsetzung geschuldet ist, den offensichtlich unweigerlichen Kostenanstieg im Gesundheitswesen, u.a. bedingt durch den medizinischen Fortschritt und die Alterung der Gesellschaft, zu bremsen.

Es wäre aber zu einfach, alle Verantwortung für knappe Erlöse, zu hohe Kosten, zweifelhafte patientenbezogene Entscheidungen oder die oft sehr angespannte Personalsituation im Krankenhaus allein bei der Politik abzuladen. Es gibt sehr gute und es gibt weniger gute Krankenhäuser. Einfluss auf Wirtschaftlichkeit und Erfolg haben eben auch Mitarbeiter, strategische Ausrichtung, Leistungsangebote oder Infrastruktur genauso wie das operative Management, insbesondere der Umgang mit knappen Ressourcen.

Ziel der Studie

Zufriedene Ärzte sind meist auch die besseren Ärzte. Umgekehrt reibt sich gute Medizin im Krankenhaus immer wieder an unzulänglichen Prozessen oder überkommenen Strukturen. Ziel der Studie ist es daher, Handlungsfelder im Klinikalltag herauszufiltern, in denen es sich besonders lohnt, Probleme tiefer zu ergründen, über neue Lösungen nachzudenken und Prozesse oder Strukturen zu verändern. Gleichrangig ist die Frage nach den Fähigkeiten oder Kompetenzen, die für das Krankenhaus der Zukunft entscheidend sein werden. Die Weichen dafür werden heute gestellt.

Befragung

Es wurden hauptsächlich jüngere Klinikärztinnen und -ärzte befragt. 47 Mediziner haben den Online-Fragebogen vollständig ausgefüllt, etwa je zur Hälfte Ärztinnen und Ärzte, überwiegend Assistenzärzte (94%) mit praktischer Klinik-Erfahrung von bis zu 5 Jahren. Sie arbeiten zu 40% in Universitätskliniken, zu etwa 25% in großen Häusern und zu 35% in mittelgroßen Krankenhäusern. Knapp ein Drittel ist in einem operierenden Fach tätig, über zwei Drittel arbeiten in anderen Fachgebieten. Der Schwerpunkt lag auf jüngeren Mediziner, da ihnen mit ihrem frischen Blick Unzulänglichkeiten anders auffallen, als erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, die sich mit mancher Schwäche in den Abläufen vielleicht eher schon mal arrangieren.

Inhalt der Studie

Die Studie gliedert sich in drei Themenfelder:

  • Prozesse und Zusammenarbeit.
  • Arbeitszufriedenheit & Qualität der Weiterbildung.
  • Krankenhaus der Zukunft.

Zentrale Erkenntnisse

Sechs akute Handlungsfelder kristallisieren sich heraus:

  • Patient im Fokus: Mehr Zeit für Patienten und nicht primär Fallzahlen optimieren.
  • Mehr Zeit für ärztliche Aufgaben, gemeinsame Organisation der Arbeit zwischen Ärzten und Pflege, ohne starre Funktionstrennung.
  • Effektivere und schnellere patientenorientierte Prozesse.
  • Bessere Unterstützung und Supervision in der Ausbildung zum Facharzt.
  • Bessere Nutzung von Informationstechnologie.
  • Mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit, auch mit niedergelassenen Ärzten.

Ebenfalls häufig genannt wurde die hohe Arbeitsbelastung. Neben tatsächlichem Personalmangel dürfte ein Teil des Problems auch auf einem wenig ausgeprägten Prozessmanagement, starren Strukturen oder auf Defiziten in der Führung beruhen.

Handlungsbedarf

Überraschend sind die Befunde für erfahrene Kliniker oder Klinik-Manager vermutlich nicht. Überraschend ist eher, dass diese Themen vielerorts dennoch nicht offensiv angegangen werden, jedenfalls nicht in der Wahrnehmung der befragten Ärzte. Darin scheint der eigentliche Handlungsbedarf zu liegen. Trotz kaum beeinflussbarer äußerer Randbedingungen, gibt es Gestaltungsspielräume für bessere Prozesse und zufriedenere Mitarbeiter.

Top 1: Prozesse und Zusammenarbeit:
Medizin gut – Führung und Ablaufgestaltung weniger befriedigend.

Sehr erfreulich ist die Einschätzung, dass Patienten überwiegend die „bestmögliche Versorgung“ erhalten. Diese Auffassung vertreten über 85% der Befragten. Das schließt aber offensichtlich nicht aus, dass bei der Wahl der Diagnostik oder Therapie das Wohl der Patienten nicht immer an erster Stelle steht. Jedenfalls sehen das ein Drittel der Teilnehmer kritisch. Das am negativsten bewertete Merkmal im Klinikalltag sind die Wartezeiten der Patienten.

Das folgende Bild zeigt verschiedene Ausprägungen von Prozessen, Fähigkeiten und Zusammenarbeit, geordnet danach, wie positiv der jeweilige Aspekt von den Befragten eingeschätzt wird.

Bild 1: Wenn Sie an ihre Klinik denken: Wie sehr treffen folgenden Punkte ihrer Meinung nach auf ihre Klinik zu?

Klinikprozesse_Studie

 

Beim genaueren Blick auf organisatorische Aufgaben und die Frage: „Wie zufrieden sind Sie mit nachfolgenden Abläufen und Funktionen?“ bewegt sich der Anteil von „sehr zufrieden“ und „zufrieden“ in einer breiten Spanne von etwa 70-30%. Das heißt aber auch, dass 30-70% weniger bis gar nicht zufrieden sind. Besonders gilt das für die Patientenbezogene Dokumentation, gefolgt von den Abläufen auf Station.

Bild 2: Wie zufrieden sind Sie mit folgenden Abläufen und Funktionen in ihrer Klinik?

Klinik-Abläufe

Top 2: Arbeitszufriedenheit & Qualität der Weiterbildung:
Trotz genereller Zufriedenheit – Ausbildung wird stiefmütterlich behandelt.

Unter jungen Klinikärzten hätte man vielleicht höhere Zufriedenheitswerte erwartet. Knapp 60% sind zufrieden oder sehr zufrieden. 40% sind es nicht.

Bild 3: Einmal ganz allgemein gefragt: Wie zufrieden sind Sie alles in allem mit Ihrer Arbeit im Krankenhaus?

Zufriedenheit junger Ärzte im Krankenhaus

Bei den Arbeitsbedingungen kommen, wenig überraschend, Work-/Life-Balance und Zeit für Arbeit mit Patienten eher schlecht weg. Es gibt aber Unterschiede, die auch mit der Art der Klinik oder dem Fachgebiet zu tun haben.

Bild 4: Wie hoch ist Ihre Zufriedenheit in Bezug auf folgende Arbeitsbedingungen?

Arbeitsbedingungen im Krankenhaus

Auffallend ist, dass die befragten Assistenzärztinnen und -ärzte mit der Ausbildungsqualität in der Klinik durchweg „eher weniger zufrieden“ sind.

Bild 5: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Ausbildung zum Facharzt, in Bezug auf …?

Studie Krankenhaus_Facharztausbildung

 

Top 3: Zukunft Krankenhaus:
Mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit – Digitalisierungs-Chancen nutzen.

Das abgefragte Bild des Krankenhauses der Zukunft ist vermutlich eine Mischung aus künftig beseitigten Defiziten, der Phantasie über neue Möglichkeiten, insbesondere der Digitalisierung (vernetzte Informationsnutzung, Big Data, Künstlicher Intelligenz), dem ärztlichen Ideal von guter Medizin und Patientenversorgung. Aber auch mancher Befürchtung, dass sich die Dinge in die falsche Richtung entwickeln könnten. Der größte Handlungsbedarf wird im Umgang mit Kapazitäts- und Personalengpässen gesehen.

Bild 6: Wie verbesserungswürdig (in ihrer Klinik und gegenüber heute) erscheinen Ihnen folgende Aspekte, um effizienter und entspannter zu arbeiten oder um die Ergebnisqualität zu erhöhen?

Krankenhaus-Prozesse Verbesserungsbedarf

 

Auf die Frage nach wichtigen Zukunftsthemen des Krankenhauses werden drei dominante Handlungsfelder deutlich:
(1) Interdisziplinäre Zusammenarbeit,
(2) Digitale Patientenakte und elektronischer Informationsaustausch und
(3) Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten.

Bild 7: Welche Themen sind für das „Krankenhaus der Zukunft“ vordringlich?

Themen_Krankenhaus der Zukunft

 

Empfehlung

Die Zukunft des Krankenhauses lebt von ihren Mitarbeitern – mehr als von neuen medizinischen Verfahren oder digitalisierten Prozessen. Motivierte Ärzte beeinflussen mit Kompetenz und Zuwendung gelingende Prozesse von Linderung, Heilung oder Genesung ihrer Patienten maßgeblich. Jüngeren Ärzten (aber auch Pflegepersonal), aussichtsreiche Perspektiven zu bieten, müsste also eine vorrangige Aufgabe von Klinikleitungen sein, zumal Bewerber ohnehin ein sehr knappes Gut sind.

Aussichtsreich werden diese Perspektiven aber nur, wenn der klinikinterne Handlungsstau aufgelöst wird. Ob Ausbildungsqualität, Strukturthemen, organisatorische Mängel oder der zaghafte Aufbruch in die Digitalisierung von Prozessen und Medizin – ohne Kreativität und das Wagnis, neue Wege zu beschreiten, wird sich wenig bewegen.

Ein praktikables Vorgehen wäre es, konkrete Probleme in abgegrenzten Bereichen anzupacken und auch vor „radikalen“ Lösungen nicht zurückzuschrecken. Übergreifende Lösungen können schrittweise entstehen, orientiert an einem positiven Zukunftsbild und wenigen Leitlinien. Engagierte Verbündete für solchermaßen begrenzte und ambitionierte Vorhaben finden sich auch unter jüngeren, aber schon etwas erfahrenen Ärzten. Neben Zeit erfordert manche Strukturanpassung auch Geld. Simple Kosten-/Nutzenrechnungen funktionieren häufig nicht. Daher ist hier Mut gefragt und Vertrauen in die handelnden Personen, im Sinne des gemeinsamen Ganzen schon das Richtige zu tun (und die Ergebnisse zu messen).

Studie_Zukunft Krankenhaus_2017
(komplette Fassung)